/Undercover in Moscheen: So rekrutieren Salafisten in Deutschland

Undercover in Moscheen: So rekrutieren Salafisten in Deutschland

Im Video oben berichtet ein deutscher Salafisten-Aussteiger von seinen Erlebnissen. 

Es sind verstörende Aufnahmen, die das ZDF am Mittwochabend ausgestrahlt hat:

“Die schmutzigen deutschen Behörden, die sich nicht trauen, hier reinzukommen, weil sie nichts gegen uns in der Hand haben. Also spielen sie ihre Spielchen, möge sie Allah vernichten.”

So predigt ein Imam vor Dutzenden von Gläubigen – in einer Berliner Moschee, die schon seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird. 

In der TV-Dokumentation “Hass aus der Moschee” und in seinem Ende Oktober erschienen Buch “Eure Gesetze interessieren uns nicht!” zeigt Shams Ul-Haq, wie Muslime in europäischen Moscheen, wie jener in Berlin, radikalisiert werden.

Undercover hat der Journalist und Terrorismus-Experte seit Ende 2016 hunderte Moscheen in Deutschland, Österreich und der Schweiz besucht. In Hamburg schaffte er es sogar, sich einer Gruppe von Salafisten anzuschließen.


Falco Sievert/Berlin

Shams Ul-Haq, deutscher Terrorismus-Experte und Undercover-Journalist mit pakistanischen Wurzeln.

Die Taktik der Salafisten

Im Interview mit der HuffPost spricht Ul-Haq über die Hasspredigen, die Machtlosigkeit der deutschen Behörden sowie die Taktik von Islamisten und Salafisten. “Sie sprechen nicht sofort von Dschihad oder Syrien. Sie wollen, dass man selbst darauf kommt, dass man selbst reagiert und etwas unternehmen will.” Die erste Kontaktaufnahme erfolgt in den Moscheen – oder in Fitnessstudios, wie der 43-Jährige erzählt.  

Er sagt: In etwa jeder zehnten Moschee in Deutschland spielen islamistisches Gedankengut und antiwestliche Hetze eine bedeutende Rolle.

Die mit Abstand krasseste Predigt hörte Ul-Haq in der An-Nur-Moschee in Winterthur in der Schweiz. Der Imam habe dort ganz offen beim Freitagsgebet gefordert: “Wir müssen die Kāfir töten”, das heißt Ungläubige umbringen, erinnert sich der Undercover-Journalist. 

Die Sicherheitsbehörden stünden aus seiner Sicht vor einem Problem: “Wir haben zu lasche Gesetze, die Behörden reagieren zu langsam.” 

Warum Salafisten gerade auf Jugendliche so attraktiv wirken 

Dazu kommt, dass die Salafisten gerade für junge Leute attraktiver als liberale Imame sind. Bei Salafisten wie Pierre Vogel könnten die Jugendlichen Tabu-Themen ansprechen, die in einer liberalen Moschee völlig undenkbar wären.

“Ich habe selbst gehört, wie dort die jungen Männer offen fragen, wie sie besseren Sex haben können, oder Mädchen, die wissen wollen wie sie ihren Mann oral befriedigen sollen. Auch das Thema Menstruation ist dort nicht verpönt”, berichtet Ul-Haq.

Deshalb müssten die Moscheen nicht nur besser und regelmäßiger kontrolliert, sondern auch die Sozialarbeit erheblich ausgebaut werden.  

Das ganze Interview könnt ihr hier lesen:

Herr Ul-Haq, wie kann ich mir Ihre Recherche vorstellen – Sie sind ja vermutlich nicht einfach in die nächstbeste Moschee gegangen?

Es war ein sehr langer Prozess. Ich habe bereits Ende 2016 angefangen, die Moscheen auszuwählen und diese nach und nach besucht. Letztlich habe ich im gesamten deutschsprachigen Raum hunderte Moscheen aufgesucht.

Im Endeffekt habe ich etwa 250 problematische Moscheen gezählt, davon etwa 150 in Deutschland sowie jeweils 50 in Österreich und der Schweiz. Allein rund um den Hamburger Hauptbahnhof gibt es 15 Moscheen, wo regelmäßig Salafisten verkehren.

Was heißt problematisch?

In der Moschee, im Koranunterricht, beim Freitags- oder Frauengebet wird Radikalisierung betrieben, Hass gepredigt. Vielfach ist auch die Finanzierung nicht sauber oder es werden in den Räumlichkeiten illegale Geschäfte abgewickelt. Etwa zehn Prozent aller Moscheen sind auffällig, leider mit steigender Tendenz.

Was war das Krasseste, was Sie erlebt haben?

Das war in der An-Nur-Moschee in Winterthur in der Schweiz. Der Imam hat dort ganz offen beim Freitagsgebet gefordert: “Wir müssen die Kāfir töten”, das heißt Ungläubige umbringen. Der Mann rief sogar noch hinterher: “Was überlegt ihr noch?”

Das war sehr drastisch und der Hassprediger ging dabei sehr geschickt vor: Seine Rede fing sehr langsam an, er machte die Leute erst einmal warm. Dann wurden seine Emotionen immer stärker, bis er am Ende fast brüllte. Es war unglaublich intensiv.

Wie haben Sie reagiert?

Als ich das gehört habe, bin ich sofort zur Polizei. Die hat die Moschee gleich am nächsten Tag durchsucht. Seitdem ist die Moschee geschlossen.

Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Ich als gläubiger Muslim sage: Solche Imame müssen sofort abgeschoben werden.

Sie haben auch in Deutschland Moscheen besucht und sind dort mit Salafisten in Kontakt gekommen. Wie sind Sie vorgegangen?

In Hamburg bin ich immer wieder in die gleiche Moschee gegangen. Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis einige Salafisten den Kontakt mit mir aufgenommen haben. Sie tasteten sich ganz langsam vor, prüften, beobachteten. Die sind ja nicht dumm. Ich bin mit ihnen missionieren gegangen und habe sie in andere Hamburger Moscheen begleitet.

Irgendwann hat mich einer der Männer zu sich nach Hause eingeladen. Dort hat er versucht, mir quasi eine Gehirnwäsche zu verpassen: Er hat mir Propaganda-Videos gezeigt, Reden von Pierre Vogel oder Ahmad Abul Baraa. Das ist die Taktik der Salafisten. Sie sprechen nicht sofort von Dschihad oder Syrien. Sie wollen, dass man selbst darauf kommt, dass man selbst reagiert und etwas unternehmen will.

Nach außen sind die Salafisten super nett. Sie laden dich zum Essen ein, sind immer fröhlich. Im Inneren säen sie dann Hass und Gewalt.

Die Moscheen dienen also nur zur Kontaktaufnahme?

Ja, dort oder in Fitnessstudios nähern sich die Salafisten potentiellen Kandidaten an.

Aber wie können die Sicherheitsbehörden das verhindern? Vieles spielt sich ja letztlich in Privatwohnungen oder in verschlüsselten Internetchats ab?

Das ist tatsächlich ein Problem. Aus meiner Sicht haben wir zu lasche Gesetze, die Behörden reagieren zu langsam.

Und: Wie in der Neonazi-Szene ist das V-Mann-System sinnlos. Ich habe mit einem Mann gesprochen, der als Vertrauens-Person für den Verfassungsschutz tätig war. Der sagte mir: “Bruder Haq, glaubst du wirklich, dass wir so dumm sind, unsere Brüder zu verraten?”

Es braucht also wirklich unabhängige Leute, die nicht aus der Salafisten-Szene kommen.  


Falco Sievert/Berlin

Undercover-Journalist und Terrorismus-Experte Shams Ul-Haq.

Wer besucht diese Moscheen, in denen auch die Salafisten verkehren?

So wie ein Tempel oder eine Kirche ist eine Moschee erst einmal ein friedliches Haus. Die Menschen, die dort beten, sind nicht das Problem. Die zentrale Frage ist: Wer ist der tatsächliche Machthaber in der Moschee? Meistens ist es nämlich nicht der Imam, sondern ein Hintermann.

Der Imam predigt nur, was der Salafist ihm sagt – denn von ihm bekommen er und der Moschee-Verein Geld. Zugleich ziehen die Salafisten aber auch Geld aus den Moscheen.

Wie das?

Ein Beispiel aus Essen: Dort bat der Imam während einer Predigt zwei, drei Mal um Geldspenden für Frauen in Kaschmir, “damit diese nicht mehr von den Indern vergewaltigt werden”, wie er erklärte.

Bei einer Freitagspredigt kommen so schnell mehrere tausend Euro zusammen. Wer will schließlich nicht Missbrauchsopfern helfen? Noch dazu, wenn sich der Imam auf den Koran bezieht? Das Geld geht dann aber gar nicht nach Indien oder Pakistan, sondern wird für ganz andere Sachen genutzt. 

Wie kann man gegen die Missionierungsarbeit der Salafisten am besten vorgehen?

Fakt ist: Liberale Imame sind gerade für junge Leute wenig attraktiv. Pierre Vogel ist der Salafist mit den meisten Facebook-Likes! Wenn er ein Freitagsgebet leitet, gehen alle Jugendlichen hin.

Warum?

Bei ihm oder anderen Salafisten können sie Tabu-Themen ansprechen, die in einer liberalen Moschee völlig undenkbar wären. Ich habe selbst gehört, wie dort junge Männer offen fragen, wie sie besseren Sex haben können, oder Mädchen, die wissen wollen, wie sie ihren Mann oral befriedigen. Auch das Thema Menstruation ist dort nicht verpönt.

Das heißt: Die Sozialarbeit der liberalen Moscheen muss überarbeitet und erheblich ausgebaut werden. Zugleich muss auch mit Salafisten und radikalen Imamen geredet werden. Die Moscheen müssen besser und regelmäßiger kontrolliert werden.

Und das reicht?

Es muss auf Deutsch gepredigt werden. Bisher haben wir das Problem, dass auf Deutsch zurückhaltend gesprochen wird, während anschließend auf Arabisch blanker Hass verbreitet wird – und der Übersetzer verdreht die Worte oder schwächt sie ab. Das gleiche gilt für den Islam- und Koranunterricht.

Macht Ihnen die ganze Entwicklung Angst?

Vor Salafisten habe ich keine Angst, aber vor den Tschetschenen. Die tschetschenischen Mudschaheddin, die nach Deutschland gekommen sind, haben vielfach keinerlei Skrupel vor Gewalt. Die sind noch sehr viel schlimmer als Salafisten.

Doch bei all dem dürfen wir nicht vergessen: Alle Religionen sind an sich friedlich. Die Moscheen, in denen Hass gepredigt wird, sind nicht muslimisch. Dafür reicht ein Blick in den Koran: Sure 9, Vers 107 und 108.

Und (es) gibt (auch) diejenigen, die sich eine Gebetsstätte genommen haben in der Absicht der Schädigung und aus Unglauben und zur Spaltung der Gläubigen und zur Beobachtung für denjenigen, der zuvor gegen Allah und Seinen Gesandten Krieg geführt hat. Sie werden ganz gewiß schwören: “Wir haben nur das Beste gewollt.” Doch Allah bezeugt, daß sie fürwahr Lügner sind.